Bericht in der Rhein Zeitung, anlässlich der Gründung des ÄTC am 29.01.1870

Nachstehend der Bericht in der Rhein Zeitung vom 30.01.2020

Langsamrauchend zu einer langen Geschichte 

Älteres Tabaks-Collegium Heddesdorf besteht seit 150 Jahren

Bericht von Redakteur Ulf Steffenfauseweh

Heddesdorf. Ein bisschen aus der Zeit gefallen ist ihr Verein. Da wollen sie auch gar nicht drum herumreden. „Völlig“, sagt Karl-Heinz Keuser sogar und winkt ab, lächelt dabei aber breit. Denn sie sind noch da. Ja, es lebt noch: das Ältere Tabaks-Collegium (ÄTC) Heddesdorf. Und es erlebt in diesemJahr sein 150-jähriges Bestehen.

Raucher werden offensichtlich alt. Am 29. Januar 1870 gegründet, war es nämlich offiziell schon gestern so weit. Richtig gefeiert werden soll aber erst im Sommer. „Jeder unbescholtene Mann, der das 18. Lebensjahr erreicht hat, kann Mitglied werden. Die Zahl der Mitglieder ist jedoch auf 50 beschränkt“, heißt es in den ÄTC-Statuten. „Früher“, erzählt der aktuelle Vorsitzende Alfred Lötsch, „war es hier in Heddesdorf für einen jungen Mann normal, dass er in denTubac ging“. Früher gab es Wartelisten,  musste die ursprüngliche Begrenzung von 25 auf eben 50 angehoben werden. Heute hingegen hat „der Tubac“ doch Nachwuchsprobleme. Aber die haben fast alle Vereine. Und im Vergleich klingen die des ÄTC harmlos: Zu Beginn des Jubeljahres 2020 sind 41 Plätzen besetzt – darunter zwölf von Ehrenmitgliedern, die dem Verein seit mindesten 40 Jahren angehören. Natürlich sind es nur Männer. Daran haben sie in all den Jahrennichts geändert und das soll auchso bleiben. „Wir wollen ja ein bisschen dumm’ Zeug reden“, sagt der Vorsitzende mit einem Schmunzeln, legt dann aber Wert darauf, dass man(n) sich nicht abkapselt. Natürlich mache man vieles gemeinsam mit den Frauen. LangeJahre habe das ÄTC sogar einen über die Grenzen des Vereins bekannten Frauenchor gehabt: Die Tabakslerchen. Der Tabak spielt im Vereinsleben heute nur noch eine Nebenrolle. 70 bis 75 Prozent der Mitglieder, so schätzen Lötsch und Keuser, sind anno 2020 Nichtraucher. Und selbst bei ihren regelmäßigen Vereinstreffen herrscht Rauchverbot, zumindest drinnen. Denn seit mit dem Heddesdorfer Bürgerhaus das langjährige Vereinslokal geschlossen hat, trifft sich das Collegium im „Stüffje“. Und da das den Sportlern vom HeddesdorferTurnverein gehört, ist der blaue Dunst dort nicht erwünscht. Für ein Tabaks-Collegium sicher nicht optimal, aber auch kein Drama. „Wir sind heute ein reiner Geselligkeitsverein“, hält der Vorsitzende fest. Maitour, Pfingstumzug, Sommerfest, Weihnachtsfeierund wechselnd Herren- oder Familientour: Das sind neben den monatlichen  Versammlungen im Stüffje die Eckpfeiler des ÄTC Jahreskalenders. Ausweichen müssen die Mitglieder nur, wenn das vierteljährliche Zigarren-Langsam-Rauchen ansteht. Bei der AWO können sie dann ihren Vereinsmeister ausqualmen. Jeder Teilnehmer hat ein Streichergebnis, die drei besten, also längsten Zeiten werden dabei addiert, um den Sieger zu errechnen. Den Rekord in einer Einzelwertung hält übrigens Sven Gladbach, der es schaffte, 203 Minuten lang immer wieder an einer Zigarre zu ziehen, ohne sie ausgehen zu lassen. Noch ein Stufe höher steht sicher, dass das ÄTC mit Hauke Walter sogar einen ehemaligen Weltmeister im Langsamrauchen in seinen Reihen hat. Als amtierender Deutscher Meister war er 2018 gemeinsam mit Vereinsfreund Uwe Domaschk zur WM nach Split gereist und hatte sich gegen die Konkurrenz, auch aus Übersee, die Krone geholt. 135 Teilnehmern aus 34 Nationen waren in Kroatien dabei. „Das war streng genommen Privatsache. Aber natürlich sind wir als Verein schon stolz drauf“, betont Lötsch. Und das sind sie auch auf ihre lange Geschichte. „Im Grunde sind wir ja der älteste Verein in Neuwied“, findet Keuser und erklärt mit einem Augenzwinkern, dass die Pfingstreiter mit ihrer mehr als 450-jährigen Historie nicht mitgezählt werden können. Die laufen außerhalb der Konkurrenz. Die beginnt daher in diesem Fall „erst“ 1870. Genauer eben am 29. Januar. Das deutsche Reich war noch nicht gegründet, da treffen sich die ersten Mitglieder in der Gaststätte Philipp Schneider –später bekannt unter dem Namen „Eiserner Bismarcksaal“ – und rufen das Collegium ins Leben. Hier bleiben sie fast 50 Jahre lang, ehe das ÄTC 1929 im Bürgerhaus in der Grabenstraße sein neues Vereinsheim findet. Als das 2014 schließt, ist der Verein zunächst heimatlos. „Dass es keine Kneipen mehr gibt, ist unser Hauptproblem“, bedauert Lötsch und berichtet, dass auch das erste Ausweichquartier– die Dorfschenke –dann nach zwei Jahren schloss. Seitdem sind die Raucher bei denTurnern. Ein wenig aus der Zeit gefallen, aber eben noch da. Und das soll auch noch lange so bleiben.

Die Wettkampfregeln:

Wenn es beim Älteren Tabaks-Collegium Heddesdorf „Feuer frei“ heißt, fallen die Mitglieder nicht übereinander her, sondern zünden beim Langsam-Rauchen ihre Zigarren an. Dass sie dafür nur einen Versuch haben, ist in Paragraf 13 der Vereinsstatuten genauso geregelt wie die restlichen Wettkampfregeln. So ist festgeschrieben, dass die Versammlung einen Schiedsrichter wählt, der selbst mitrauchen darf. Weiter heißt es, dass keine Hilfsmittel – aufgeführt sind Nadeln, Spitzen, Klammern und Streichholz– verwendet werden dürfen. Und weiter: „Beim Verlassen des Raumes ist die Zigarre im Aschenbecher abzulegen und der Schiedsrichter zu informieren. Wenn die Zigarre erloschen ist, muss dies sofort dem Schiedsrichter gemeldet werden. Wird die Zigarre „mit Feuer“ abgemeldet, so wird der errauchten Zeit eine Minute zugerechnet. DieZigarre gilt als brennend, wenn derTeilnehmer sie mit den Fingern halten und daran ziehen kann. Diel etzten drei Raucher eines Wettbewerbs dürfen die Zigarre nicht mehr ablegen und sollten an einem Tisch Platz nehmen

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